Kritisches und Nachdenkliches zun Hobby

Nietenzählerei und ihre Folgen

Die Dachziegel des Bahnhofs haben unterschiedliche Farben, im Inneren warten die Preisers im Reisezentrum vor dem exakt nachgebildeten Fahrkartenschalter. In der Bahnhofsbuchhandlung kann man gerade noch erkennen wie ein Kunde an der Kasse steht und dem Verkäufer eine Zeitschrift zum bezahlen hinhält, da steht auch schon der gealterte exakt maßstabsgerechte Kleinserien-Schienenbus auf superfeinen, selbstgenagelten Gleisen zur Abfahrt bereit.

Echte Bahnatmosphöre im Modell - nur der Größenunterscheid macht klar daß es sich um keinen echten Bahnhof handelt. Doch das allerwichtigste fehlt: der Zug bewegt sich nicht. Kann er auch gar nicht, denn es handelt sich um ein totes Diorama - die Gleise enden beidseitig an den Bahnhofsausfahrten, dahinter beginnen die undendlichen Weiten der Welt in 1:1.

Es ist schon einiges Können notwendig um das Original so detailgetreu nachbilden zu können. Eine Kunst, die nicht jeder beherrscht und auch nicht beherrschen kann. Eine Leistung der man Hochachtung zollen muß. Trotzdem gibt es eine Gruppe von Modellbahnern, die dieses Niveau gerne zum Standart erhebt und überheblich auf all die anderen herabblickt, die ihr Hobby eben nicht mit einer solchen Perfektion bis ins allerletzte Detail betrieben.

Nietenzähler und Könner

Gerechterweise möchte ich ersteinmal eine klare Trennung vornehmen zwischen Nietenzählern und echten Könnern. Erklärtes Ziel dieses Artikel ist es nämlich keineswegs Modellbahner und Modellbauer zu verurteilen die auf einem hohem Niveau arbeiten. Er richtet sich gegen all jene, welche überheblich auf andere herabblicken und diese hohe Perfektion gerne zum Standart erheben würden, aus dem reinen Glauben heraus, es selbst am besten zu können

Der Könner hat durch jahrelange Erfahrung im Umgang mit der Materie einen reichen Erfahrungs- und Wissensschatz angesammelt. Doch er ist deswegen noch lange nicht überheblich und arrogant, im Gegenteil, er teilt sein Wissen mit Hobbykollegen und steht Neueinsteigern bei der Lösung von Problemen mit Rat und Tat zur Seite. Gelungene Arbeiten anderer würdigt er genauso wie seine eigenen Werke.

Der Nietenzähler hingegen wurde wohl schon mit der Schieblehre in der Hand geboren; seine eigenen Ansprüche sind so wie die des Superkönners, doch ist er weder hilfsbereit noch tolerant. Er versucht, seine eigenen sehr hohen Ansprüche auch auf andere Modelleisenbahner zu übertragen und sie zum allgemeinen Standart zu erheben. Zwecks Überwachung der Einhaltung all der Dogmen und Vorschriften, ist die Schieblehre zu seinem wichtigsten Begleiter geworden, sobald er sich in den Hobbykeller begibt. Doch daß der Nietenzähler dort auch tatsächlich Modellbau auf hohem Niveau in die Tat umsetzt ist keineswegs immer der Fall. Bei den meisten überwiegen nämlich die großen Töne. Lang sind die Listen geplanter Projekte, deren Realisierung höchst zweifelhaft ist. Bei genauerer Betrachtung stellt man schnell fest daß oft der reine Glaube daran überwiegt, es selber am allerbesten zu können; manch ein Nietenzähler besitzt in keinster Weise das Talent seine eigenen hohen Ansprüche auch nur annähernd zu befriedigen!

Spielen verboten!

Wer spielt heute schon noch mit seiner Bahn? Richtige Modellbahner machen professionellen Fahrbetrieb, die Züge werden telefonisch an den nächsten Bahnhof weitergemeldet. Sämtliche Zugkompositionen entstammen einer einzigen Epoche, und waren tatsächlich einmal so unterwegs, wurden sie doch genauestens nach alten Fotos zusammgestellt. Wehedem, ein Kollege bringt eine Garnitur mit bei der ein Wagen nicht ganz stimmig ist. Nicht zu vergessen: nur korrekt maßstäbliche Fahrzeuge dürfen aufs Gleis. Verkürzte Fahrzeuge werden nicht geduldet, sehen sie doch spielzeughaft aus.

Und überhaupt: was will man noch mit diesen alten offenen Güterwagen von Piko und Roco? Kein Wagen ist maßstäblich lang, die Wände sind zu dick, die Puffer zu kurz, zahlrieche Details sind nur angespritzt - also werden die Wagen zersägt, aus vormals drei Modellen entsteht nun ein einziges, dafür aber korrekt maßstäbliches Fahrzeug welches noch mit Schraubkupplungen und RP 25 Radätzen verfeinert wird, bevor es seinen Dienst auf den selbstgenagelten Gleisen mit echten Holzschwellen beginnen kann. Der viel zu kurze Fleischmann-Wagen wird einfach in der Mitte ausgeinandergesägt und mit Füllstücken aus Polysterol um den fehlenden einen Milimeter verlängert.

Das sind keineswegs irgendwelche Märchen oder Räuberromane - in der Tag handelt es sich um nichts anderes als die reine Wahrheit, wie sie in der Fachpresse und im Internet von Nietenzählern stolz beschrieben wurde und wird.

Und was den oben erwähnten Fahrbetrieb anbelangt: wenn Nietenzähler einen solchen überhaupt durchführen, achtet man zwar einerseits auf einen absolut vorbildgerechten Betriebsablauf, andererseits ist es dann ein Widerspruch in sich, wenn die kurz zuvor vernichtend kritisierte, da um einen Milimeter zu kurze neue Ellok nun ohne Fahrleitung ihren Dienst verrichten muß.

Man fragt sich in der Tat, was für geistig armselige Menschen das sein müssen, die den Kauf oder Nicht-Kauf eines Modells davon abhängig machen ob es denn nun wirklich maßstabsgetreu oder nicht doch um einen oder mehrere Milimeter zu kurz ist; oder die einen irrsinnigen Aufwand betrieben um an ein korrekt maßhaltiges Modell zu kommen. Einer solcher Aufwand steht in keinerlei Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen.

Das Verhalten gegenüber Modellbahnkollegen

Gegenüber all den Modellbahnern, die keinen solch übertriebenen Hang zur Vorbildtreue haben und sich auch über eine etwas ältere, nicht ganz maßstäbliche und nicht so fein detailierte Lok aus den 60er Jahren, die sie auf einer Börse günstig erworben haben, genauso freuen können wie über ein ladenneues Supermodell, reagieren viele Nietenzähler mit purem Haß und mit Ablehnung.

Ihnen versucht man mit allen nur erdenklichen Mitteln klar zu machen, daß sie ja gar keine richtigen Modellbahner sind, sondern nur Spielbahner. Wer keine bestimmten Gleissysteme auf seiner Anlage verlegt hat, kann eh einpacken. Und selbst im Internet versucht sich besagte Klientel in den Vordergrund zu drängen, wobei wüste Pöbeleien nicht selten ausbleiben. Und diese Pöbeleien richten sich nicht alleine gegen Hobby-Neueinsteiger. Wenn dann sogar Leute mit einem breiten Fachwissen frustriert das Handtuch werfen und einem Forum den Rücken kehren, ist das ein nicht wettzumachender Verlust. Haben doch gerade diese Leute ihren umfangreichen Wissens- und Erfahrungsschatz auch an nicht so erfahrene Modellbahnfreunde weitergegeben und ihnen so bei der Lösung vieler Probleme geholfen. Und das ganz ohne dabei in irgendeiner Form überheblich zu sein - im Gegenteil, sie taten es sogar gerne! Ob von den Nietenzählern freilich solche Hilfe zu erwarten ist, möchte ich stark bezweifeln...

Was die meisten der notorischen Nörgler aber vergessen: auch sie haben mal ganz klein angefangen mit einer einfachen Preßspanplatte, auf der enweder Trix-Epress oder Märklin M-Gleise um ein Dorf aus alten Faller-Einfamilienhäuschen herum verlegt war und die Vegetation allenfalls aus "Stecktannen" und "Pfeifenputzern" bestand!

Bereitschaft zu Kompromissen

Keineswegs plädiert dieser Bericht dafür, Modellbau nur noch auf einem "primitven" Stand durzuführen. Sieht man sich ältere Anlageberichte an, erkennt man schnell daß es auch früher keineswegs so einfach zugegangen ist wie heute oft behauptet wird. Jeder Modellbahner strebt schließlich irgendwie nach einer gewissen Perfektion, eine Anlage gewinnt schließlich erst durch die kleinen Details richtig an Leben. Um was es geht ist die leidige Frage der "Maßstabstreue". Kein Mensch sieht nämlich auf den ersten, zweiten oder auch dritten Blick ob nun ein Märklin oder ein Roco-Modell "maßstäblicher" ist oder ob die Stockwerkshöhe eine alten Faller-oder Kibri-Hauses etwas zu niedrig ist.

Ja, sogar mit alten Märklin M-Gleisen läßt sich eine schöne Anlage bauen. Daß dieses Gleismaterial veraltet ist und Märklin es zurecht aus dem Programm genommen hat möchte niemand bestreiten. Aber warum Modellbahnfreunden, die es trotzdem weiterverwenden wollen, einen Vorwurf deswegen machen?

So schön maßstäblcih lange Reisezugwagen in der Baugröße HO auch sein mögen, nicht jeder hat den nötigen Platz dafür. Bei den Reisezugwagen sind es zwar keine lächerlichen Milimeter Längenunterschied, sondern Zentimeter, doch warum sollte sich ein Modellbahner der sich für die 1:87er Wagen entschieden hat denjenigen die auf 1:100 setzen deswegen einen Vorwurf machen? Denn selbst wenn er kein Freund der verkürzten Modelle ist, niemand zwingt ihn, diese zu kaufen und auf seiner Anlage einzusetzen!

Letztendlich stellt doch die gesamte Modelleisenbahn eine Kompromißlösung dar! Die leidigen Diskussionen ob der Antrieb bei Schlepptenderloks in der Lok oder im Tender besser aufgehoben ist kennt jeder Modellbahner. Doch ist nicht der Elektroantrieb bei Dampflokmodellen vom Grundsatz her nicht auch schon ein Kompromiß?

Worauf es ankommt, ist der stimmige Gesamteindruck, nicht das allerletzte maßstäbliche Detail! Bei einer 150%igen Kleinserien-Handarbeitslok mögen ja in der Tat wirklich keine Wünsche mehr offen bleiben, selbst die kleinsten Armaturen sind so montiert wie sie es am 15.06.1953 beim Original waren. Die oben erwähnten, von den Nietenzählern verschmähten "Oldies" bringen in der Tat mehr Atmosphäre aufs Gleis als solch ein "Schätzchen", wenn sie mit Blechwagen am Haken über die Anlage donnern und dabei eine Duftfahne aus verbranntem Öl hinter sich herziehen.

Die Fachpresse

Leider kann man auch der Fachpresse den Vorwurft nicht ganz ersparen, immer noch zu dieser Nietenzählerei in nicht unbeträchtlichem Maße beizutragen. Glücklicherweise hat sich da mittlerweile einiges gebessert.

Wenn aber eine Fachzeitschrift bei einem Anlagenwettbewerb grundsätzlich nur Anlagen zuläßt, bei denen die Gleise gealtert und die Weichenantriebe unterflur eingebaut sind, und bestimmte Gleissysteme (Märklin M-Gleis und Trix Express) von vornherein von der Teilnahme ausschließt, stimmt das schon sehr nachdenklich. Ich gebe zwar all denen Recht die ein gewisses Niveau halten wollen - schließlich ist ein einheitliches Niveau in einem Wettbwerb die Grundvoraussetzung dafür, um am Ende ein faires Ergebnis erzielen zu können - nur frage ich mich dann wo der Anlagen-Wettbewerb bleibt bei dem auch "Spielbahner" mit oberflur eingebauten Weichenantrieben oder Trix Express-Gleisen ihre Anlagen vorstellen dürfen?

Die Folgen: Frust

Wer sich über ausbleibenden Nachwuchs wundert, sollte die Schuld nicht alleine bei den Herstellern und deren Preispolitik suchen. Denn einige Hersteller haben die Zeichen der Zeit durchaus erkannt und bieten in der Baugröße HO Hobby-Sortimente für beide gängige Stromsysteme an - Modelle zu erschwinglichen Preisen, und was ebenfalls notwendig ist um Nachwuchs-Modellbahenr hervorzulocken - nach aktuellen Vorbildern der "Epoche" V .

Ein Anfänger, der gerade erst das Gleisoval aus der Startpackung auf einer Preßspanplatte montiert hat, wird sich kaum dafür interessieren ob die Tenderlok aus dieser Packung nun einen Milimeter zu kurz oder vielelicht fälschlicherweise im Maßstab 1:85 statt 1:87 gehalten ist. Er muß nicht erst mit "echten" Nietenzählern in Kontakt kommen, es reicht schon das Studium gewisser Fachzeitschriften, in denen nach wie vor Modellbau auf allerhöchstem Niveau propagiert und alles was diesen hohen Anforderungen nicht entspricht, kurzerhand als "Spielzeug" abgetan wird. Bereits dort werden ihm seine Modelle madig gemacht, im Vergleich zu den Superkönnern die ihre Werke in der Fachpresse vorstellen muß er sich mit seiner einfachen Spielanlage fast wie ein "Aussätziger" fühlen.

Kommt dann noch Arroganz und Ignoranz gegenüber denen hinzu, die noch nicht soweit sind, ist es meistens schon zu spät, ein weiterer Neueinsteiger droht, das Handtuch zu werden.

Tatsächlich bringen es einige Nietenzähler aber fertig, sich über solche Jugendliche zu beschweren, die ihre Zeit mit sinnlosen Videospielen vergeuden anstatt sich mit einem so vielseitigen Hobby wie der Modelleisenbahn zu beschäftigen. Doch wie will man potentielle Nachwuchs-Modellbahner begeistern und ermutigen selbst tätig zu werden und eigene Kreativität zu entfalten, wenn man diese Kreativität mit allerlei Dogmen und Vorschriften unterdrückt? Noch niemand wurde bisher durch ständige Nörgelei angespornt! Und wer möchte sich schon einem Hobby hingeben, in welchen man ständig mit erhobenen Zeigefinger und Schieblehre ermahnt wird, dieses und jenes anders zu machen, bestimmte Produkte nicht zu kaufen, da unmäaßstäblich? Der Spaß an der Sache ist wohl bereits dann verloren, wenn das erste mal Gewissenbisse auftreten wegen des Kaufs eines nicht ganz maßstäblichen Gebäudemodells!

Um Kinder und Jugendliche wieder verstärkt an unser schönes Hobby heranzuführen, simd amdere Voraussetzungen nötig als die Vorschriftensucht und Dogmen der 150%igen. Jegliche Art von Neitenzählerei ist Gift für den Nachwuchs! Es ist an der Zeit, besagten Personenkreis in gewisse Schranken zu weisen. So vielseitig wie unser Hobby ist, erfordert es einfach einen gewissen Prozentsatz an Toleranz - wer nur darauf aus ist die Modellbahnwelt des anderen durch den Schmutz zu ziehen ist in diesem Hobby schlicht und ergreifend fehl am Platze.

Jedem echten Modellbahnfreund sollte klar sein: jeder Neueinsteiger, der frustriert das Handtuch wirft, ist einer zuviel. Denn so vielseitig, wie unser Hobby ist, macht es auch ohne Schieblehre Spaß!

 

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