Primex von Märklin - Historie
 

Primex als Zweitmarke

 Primex - unter diesem Namen wurde von Märklin in den Jahren 1969 bis 1992 ein eigenständiges Modellbahn-Sortiment der Spurweite HO angeboten.

In den 60er Jahren bestand von Seiten der Großhandels- und Kaufhausketten schon lange der Wunsch, Märklin Modelleisenbahnen im Sortiment führen zu können.

Allerdings gab es Absprachen zwischen Märklin und dem Fachhandel bezüglich der Verkaufsvorschriften von Märklin-Eisenbahnen, welche eine entsprechende Lagerhaltung des kompletten HO-Sortiments und eine fachlich orientierte Warenpräsentation erforderten. Auch mußte fachlich geschultes Personal, welches kleinere Reparaturen ausführen konnte und eine entsprechende Beratung der Kunden durchführen konnte, im Laden vorhanden sein.

Die auf Selbstbedienung ausgerichteten Märkte konnten aber einer solchen Kundenbetreuung nicht nachkommen, so daß ein speziell auf diese Handelsform abgestimmtes Sortiment als "Primex-Programm" vorgestellt wurde. Dazu war eigens ein Tochterunternehmen gegründet worden, welches als "Primex Modellspielwaren GmbH" firmierte.

Das Konzept mit Zweitmarken ist gängige Praxis bei Großhandelsketten – die Ladenketten führen oft sog. „Hausmarken“, deren Produkte sie bei namhaften Anbietern produzieren lassen. Oft unterscheiden sich diese Artikel vom Originalprodukt lediglich durch die andere Verpackung, sind jedoch deutlich preiswerter als unter dem originalen Markennamen. Die Vorgehensweise kann sich dabei von Firma zu Firma unterscheiden. Während es z.B. bei Marktkauf unter der Marke „Gut und Billig“ viele verschiedene Arten von Produkten – von Lebensmitteln, Haushaltsartikeln bis hin zu Textilien – zu kaufen gibt, während man bspw. bei Aldi eine ganze Reihe solcher Zweitmarken findet. Für die Hersteller spielen solche Zweitmarken oft eine gewichtige Rolle im Umsatz.

Die Anfänge

Primex startete zunächst mit einem kleinen Sortiment aus vereinfachten Modellen. Dazu hatte man die Diesellok DHG 500 (#3079) und die kleine Tenderlok 3029 (#3020) ausgewählt, die hierzu eine ganze Reihe von Vereinfachungen über sich ergehen lassen mußten. Die Aufbauten wurden aus durchfärbten Kunststoff gespritzt, Räder wurden weggelassen. Ja die Vereinfachungen gingen sogar soweit daß das elektrische Umschaltrelais einfach durch einen billigen Handschalthebel ersetzt wurde.

Die ab 1973 angebotene BR 23 (#3097) hatte hatte neben einer vereinfachten Lackierung und Beschriftung und Lackierung auch eine deutlich vereinfachte Steuerung. Des weiteren war bei dieser Lok auch das Getriebe abgespeckt worden. War das Ursprungsmodell Märklin #3005 (und auch die späteren Primex-Modelle #3191 und #33005) auf allen drei Treibachsen über Zahnräder angetrieben, so besaß diese Lok nur auf der hinteren Treibachse einen direkten Antrieb!

Als weitere vereinfachte Modelle folgten 1975 die BR 141 (#3033) sowie 1978 die Baureihen 38 (#3010) und V 200 (#3009). Interessanterweise waren an der 1975 erschienenen E 44 (#3008) so gut wie keine optischen Vereinfachungen durchgeführt, lediglich die Teile, die zum Oberleitungs-Betrieb nötig sind, waren weggelassen worden.

Bei derartigen Vereinfachungen ist jedoch auch klar, daß die Hauptzielgruppe nicht der Modellbahner war, sondern das spielende Kind. 

Ein kurzes Intermezzo: Holzspielzeug von Primex

Anfang der 80er Jahre wurde das Sortiment von Primex auch um Holzspielzeug erweitert. Diese Teile hielten sich jedoch nur kurz im Programm und verschwanden dann wieder. Angeboten wurde verschiedene Straßen- und Baufahrzeuge.

Die „goldene Zeit“: vollwertige Modelle und Neuentwicklungen

Ab etwa Anfang der 80er Jahre beschritt man bei der Weiterentwicklung der Primex-Bahn jedoch andere Wege und stellte Modelle ohne Vereinfachungen vor, meistens Auslaufmodelle aus dem Märklin-Sortiment die bei Primex weiterlebten. Es schien, als wollte man Primex nun auch als preisgünstige Alternative für die regulären H0-Kunden etablieren. Schon die 1979 erschienene 1141 (#3007), welche baugleich war mit dem Original-Märklin Modell #3154, wies den Weg in diese Richtung. Die Lokomotive #3033 machte gar die Entwicklung von der vereinfachten Spiellok zum richtigen Modell durch, mit vollwertiger Lackierung in Altlbau mit schwarem Rahmen, silbergraum Dach und Lüftern, und vollwertiger Beschriftung. Ein besonderer Knüller war schließlich die Wiederauflage der BR 01 (#3193) im Jahre 1984 mit geänderter Betriebsnummer, ein Modell daß aus dem Märklin-Programm unter der Nummer #3048 bestens bekannt war und in den 70er Jahren aus den Katalogen verschwunden war. 1985 erschien zum 150. Jubiläum der deutschen Eisenbahn das Modell der BR 23 unter der Nummer #3191 nicht nur als vollständiges Modell, sondern erstmal auch mit feiner Beschriftung, und dies als 23 105, der letzten für die DB gebauten Dampflok und späteren Museumslok.

Auch gab es 1985 erstmals sogar eine Neukonstruktion, ein Modell das bisher so im Märklin-Programm nicht angeboten worden war - die BR E 32 der Deutschen Bundesbahn. Dieses Modell basierte, wie die späteren Primex-Neukonstruktionen auch, auf bewährten Märklin-Komponenten, in diesem Fall fand das Fahrwerk der Reihe Da der SJ Verwendung, welches die gleiche Achsfolge aufwies.

Auch gab es immer öfter Beschriftungs- und Lackierungsvarianten, die im originalen Märklin Sortiment so nicht erhältlich waren, zu nennen ist dabei u.a. der Schienenbus #3012 "Chiemgau-Bahn" der auf dem Märklin-Modell #3016 basierte, oder auf Basis der Märklin-Lok #3075 das Primex-Modell #3019, die Versuchslackierung der BR 218 im neuroten Farbschema der DB.

Es verblieben nur noch wenige vereinfachte Modelle im Sortiment, so waren die Reisezugwagen bis zum Schluß ohne Einrichtung, und die Fensterrahmen unlackiert. Als weitere Neukonstruktionen folgten 1987 das Modell der Berliner S-Bahn BR 275 unter der Nummer #3017, 1989 ein zweiachsiger Dieseltriebwagen mit Beiwagen unter der Nummer #3018 sowie 1990 unter der Nummer #3185 ein Modell der Bayerischen Zugspitzbahn (zugegebenermaßen muß hier erwähnt daß das Original eingentlich auf Meterspur unterwegs ist...). Alle diese Modelle erschienen in klassischen Blech-Bauweise, d.h. die Aufbauten waren, wie bei den 24 cm Schnellzugwagen auch, aus litographiertem Blech hergestellt!

Nicht vergessen werden darf auch der kleine Postwagen 4021, welcher das Modell #4020 ergänzte und auf diesem basierte (eine Variante des meistgebauten Märklin-Wagens #4040 in blau-weißer Lackierung). Ebenso darf der Packwagen #4186 nicht vergessen werden der auf den Modellen #4192 und 4193 basierte, eine der letzten Primex-Neuheiten überhaupt.

Und so war das Primex-Sortiment der 80er und frühen 90er Jahre ein Programm, das neben einfachen Spielmodellen wie dem Triebwagen 3018 auch einige interessante Vollversionen umfaßte, die für den echten Modellbahner von Interesse waren. Der Modellbahner hatte dank Primex die Chance, Fahrzeugtypen als Neuware zu erwerben, die aus dem Märklin-Programm längst verschwunden waren, wie die BR 01 oder 81 der DB. 

Zubehör

Doch Primex beschränkte sich keineswegs nur auf rollendes Material zum kleinen Preis – es gab auch ein umfangreiches Zubehörsortiment. Denn Primex war auf Großhandelsmärkte ausgelegt, wo ansonsten keinerlei Modellbahnprodukte im Angebot waren – auch kein Zubehör, das man zum Aufbau einer Anlage benötigt.

Dieses Material hat Märklin natürlich größtenteils nicht selber produziert, sondern von verschiedenen Herstellern zugekauft.

Gebäudemodelle wurden vom dänischen Hersteller Heljan zugekauft, Figuren von Preiser.

Es gab verschiedene Straßen- und Bahnsteigleuchten, die der Firma Beli-Beco zuzuordnen sind.

Es gab eine Auswahl an Geländebaumaterial mit Streumaterial, Bäumen, Straßen und Zäunen, selbst Elektromaterial wie Kabel, Stecker und Verteilerplatten wurden als Sets angeboten.

Automodelle bei Primex stammten in der Regel von Wiking – lange Zeit der Hauslieferant der Göppinger für Automodelle, und das auch für das „originale“ Märklin-Programm.

Gleisergänzungspackungen, die eine bestimmte Auswahl Gleiselemente enthalten, um die einfachen Ovale der Startpackungen zu komplexeren Anlagen auszubauen, bietet Märklin seit Jahrzehnten an. Doch Primex ging hier gleich noch einen Schritt weiter und bestücke seine Ergänzungspackungen gleich noch mit Wagen und Zubehör. So gab es unter der Nummer 2771 eine Packung, die neben Gleisen und einem Stellpult auch zwei Sattelzüge, drei Flachwagen und einen Containerkran enthielt. Die Packung 2772 „Autoreisezug“ enthielt neben einem Autotransportwagen und zwei Reisezugwagen auch acht (vereinfachte) Pkw-Modelle und eine Auffahrrampe. Mit solchen Packungen wurde jedoch auch dem Spielbahn-Charackter von Primex Tribut gezollt.

Tatsächlich bestand bei Primex jene Möglichkeit, von denen Märklin-Freaks bei ihrer Haus- und Hofmarke oft träumen: eine komplette Anlage mit Material einer einzigen Marke aufzubauen!

Doch Primex ging noch einen Schritt weiter: einige Jahreskataloge enthielten Tips und Anregungen zur Anlagenplanung, z.B. wie man auch bei begrenzten Platzverhältnissen eine Anlage aufbauen und diese verstauen kann!  Das waren pfiffige Vorschläge wie eine Klappanlage, die in einer Schrankwand verschwindet, oder eine Anlage, die im Wohnzimmertisch integriert ist und während der Betriebspausen unter der Tischplatte verschwindet. Außerdem gab Primex Anleitungen zur richtigen Verdrahtung einer Anlage und präsentierte in einige Katalogen sogar konkrete Anlagenvorschläge!  

 

Das Ende kam auf dem Höhepunkt der Entwicklung

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Entwicklung der Primex-Bahn ihren Höhepunkt erreicht hatte, stellte die Geschäftsleitung die Signale für diese Bahn auf „Halt“: das Primex-Programm wurde im Jahre 1992 komplett eingestellt. Über die möglichen Gründe kann nur spekuliert werden. Nun kann man meinen, der Vertrieb über Großhandelsketten und Kaufhäuser ist für Modelleisenbahn weniger gut geeignet und hat sich wohl nicht besonders gut bewährt. Es darf aber nicht vergessen werden daß Primex gerade deswegen überhaupt erst ins Leben gerufen wurde! Zumal Primex mit diesem Vertriebsweg knapp 23 Jahre lang bestehen konnte!

Dennoch kann die Frage nach dem „Warum“ nicht wirklich beantwortet werden, denn Märklin hat nie eine Stellungnahme abgegeben, in der die Einstellung von Primex erklärt oder gerechtfertigt wurde.  

Eine Rolle für das Ende von Primex kann möglicherweise die Neuausrichtung des Fertigungsprogramms und der Firmenphilosophie von Märklin unter dem Geschäftsführer Wolfgang Topp gespielt haben.

Jahrzehntelang war es Philosophie des Hauses Märklin, qualitativ hochwertige, robuste und langlebige Produkte zu einem angemessenen Preis anzubieten. Der Sammlermarkt spielte zwar mindestens seit den 60er Jahren eine wachsende Rolle für die Firma, aber das Hauptaugenmerk lag auf dem Betriebsbahner und dem spielenden Kind. Zeitweise wurden die Produkte sogar als „Märklin für jung und alt, Märklin für die ganze Familie“ beworben – die Modellbahn nicht nur als Hobby für erwachsene Männer, sondern als Familienhobby.

Unter Topp änderte sich diese Ausrichtung – das Hauptaugenmerk lag nun auf erwachsenen Kunden, auf Rentnern – vor allem den zahlungskräftigeren Sammlern. Exklusivität wurde daher ein wichtiger Teil des Konzepts, was sich in einer höheren Zahl teuerer Einmalserien niederschlug. Aus dem Familienhobby für jung und alt wurde ein Exklusivprodukt. Und um sich von der Konkurrenz abzugrenzen, fertigte man Lokgehäuse nun ganz bewußt aus Metalldruckguß, nachdem man dafür jahrzehntelang auf Kunststoff gesetzt hatte. Wie erfolgreich Topp mit seiner bewußt beworbenen Metall-Philosophie war, zeigt sich daran, daß selbst heute noch viele Märklinisten Wert auf Metallgehäuse legen.

Aufgrund der teils horrenden „Sammlerpreise“, die für älteres Märklinmaterial bezahlt wurden, machte man sich dies zu Nutzen und verwies nun auf die „Werthaltigkeit“ der Märklinprodukte. Zwar stieg in dieser Zeit der Detailierungsgrad der Märklinmodelle sehr an, doch im selben Maße stiegen auch die Preise. Doch in den ersten Jahren schien das neue Konzept aufzugehen, da Märklin seine Umsätze steigern konnte.

In einem solchen, primär auf erwachsene Sammler mit entsprechendem Budget ausgerichteten Konzept, war für eine Supermarkt- und Kaufhausbahn eben kein Platz mehr.

Als Nachfolger für Primex stellte man dann das "Hobby-Programm" vor, welches allerdings nicht als gleichwertiger Ersatz angesehen werden kann. Nicht nur weil es zu hochpreisig war, sondern auch nicht in dem Maße gepflegt wurde, wie es einem Einsteigersortiment eigentlich angemessen wäre. Die Nachwuchsförderung genoß zu dieser Zeit bei Märklin leider keine besondere Priorität.

Somit sollte der Katalog 1991/92 der letzte von Primex werden.

Doch mit der Einstellung des Primex-Programms 1992 war die Geschichte der Primex-Bahn noch nicht ganz zu Ende. Die "Primex Spielwaren GmbH" bestand weiter - aber bekanntlich verfällt ein eingetragener Markenname wenn er nicht genutzt wird. So kam vier Jahre nach Einstellung von Primex wieder eine Primex-Lok in den Handel - und der Nummer 30031 konnte eine Schlepptenderlok der BR 24 in Fotolackierung erworben werden. Vier Jahre später, im Jahre 2000 konnte der Modellbahnfreund erneut eine Primex-Lok erwerben, dieses Mal eine BR 23, mit EDV-Nummer als 023 beschriftet. 2004 wäre dann eigentlich wieder ein Primex-Modell fällig gewesen – doch es kam keines. Statt dessen präsentierte Märklin in einem als „Screen Shop“ bezeichneten Onlineshop ein Konvolut M-Gleise, das aus Restbeständen bestand – Ziel dieses Onlineshops war die Lagerräumung, was sich auch an den oftmals völlig vorbildwidrigen Zugkompositionen zeigte, die dort angeboten wurden. Der Käufer konnte den gewünschten Artikel direkt bei Märklin bestellen und mußte bei der Bestellung dann eine Fachhändler auswählen, über den die Auslieferung und Bezahlung der Ware erfolgte. Das als „M-Gleise-Nachspeise“ bezeichnete Angebot enthielt auch Primex-Gleise, wofür der Name wieder Verwendung fand. Nach 2004 gab es keine weiteren Aktivitäten mehr auf diesem Gebiet.